Eine Gruselgeschichte

 

Am späten Abend
 

Eigentlich war ich nie der Mensch, der leicht schreckhaft oder ängstlich war. Schließlich gab es für alles immer irgendeine Erklärung. Das dachte ich zumindest.
Wenn im Ladengeschäft ohne Erklärung was umfiel, haben wir scherzhaft die Schuld unserem Poltergeist Günther zugeschoben und uns keine weiteren Gedanken gemacht. Wozu denn auch? Geister gab es schließlich nicht. Zumindest glaubte ich nicht daran.
 

Ich erinnere mich noch genau. Es war ein kalter Morgen im November als mir ein verwahrloster alter Mann mir einen goldenen Ring in die Hand drückte. Er murmelte irgendwas und schlurfte davon. Völlig verwirrt stand ich im Ladeneingang, mit dem goldenen Ring in der Hand und bevor ich realisierte was gerade eigentlich passiert war, war der Mann schon verschwunden. Ohne groß darüber nachzudenken, legte ich den Ring auf meinen Schreibtisch und ging meinen anstehenden Arbeiten nach. Der Tag im Laden verging wirklich schnell. Ich hatte alle Hände voll zu tun und blieb nach Ladenschluss länger um noch die letzten Emails zu beantworten und die eingegangen Bestellungen abzuarbeiten.

Irgendwie war die Stimmung in den Räumlichkeiten gedrückt. Liegt wohl daran, das es schon dunkel ist, dachte ich mir und schaute auf den goldenen Ring. Mir kam der Morgen und der alte Mann immer noch seltsam vor. Ich betrachtete den Ring und stellte fest, er war aus echtem Gold. Seufzend legte ich den Ring wieder auf den Schreibtisch und versuchte mich auf meine angefangene Email zu konzentrieren.
Unsicher blickte ich mich um. So ganz alleine im Laden, draußen alles dunkel und es wirkte so, als wären die Blicke der Perückenköpfe alle auf mich gerichtet. Plötzlich klingelte das Telefon. Ich nahm ab und meldete mich mit meinem üblichen Spruch am Telefon. Erst hörte man nichts, wirklich rein gar nichts. Und plötzlich ein Schrei!
Vor Schreck ließ ich das Telefon fallen, drückte panisch das Gespräch weg. Mein Herz klopfte wie wild. Ich musste mich sammeln und beruhigen! Nur ein Scherzanruf, nur ein Scherzanruf, redete ich mir ein.
Nach wenigen Minuten versuchte ich mich wieder auf meine Arbeit zu konzentrieren. Auf einmal wurde es kalt im Raum. Ich prüfte ob alle Fenster geschlossen waren und war irritiert woher die plötzliche Kälte kam.
Egal, umso weniger ich mich von Unsinn ablenken ließ, umso eher war ich fertig. Ich holte tief Luft und lenkte meine Gedanken auf die angefangene Email.
Tap, tap, tap… Ich spitzte meine Ohren. Wieder tap, tap, tap. Als wäre jemand im Laden und ginge umher. Etwas fiel zu Boden. Ich zuckte zusammen, stand von meinem Schreibtischstuhl auf und ging an dem Perückenregal vorbei. Es war niemand da. Nur eine Perücke lag einsam vor dem Regal. Seufzend hob ich sie auf und legte sie an ihren Platz zurück. Prüfend schaute ich mich um. Es war niemand da. Plötzlich wieder Schritte…
Ich ging zu meinem Schreibtisch zurück. Niemand war zu sehen. Aber irgendwie fühlte ich mich beobachtet. Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Auf einmal knarzten die Lautsprecher, erst leise und langsam wurde das Knarzen lauter. Stimmen und Musik waren gleichzeitig aus den Lautsprechern zu hören, als würde man einen Radiosender suchen und nicht die richtige Frequenz finden.
Ich kontrollierte ob die Lautsprecher eingesteckt waren, doch sie waren nicht angeschlossen. Zugegeben, so langsam bekam ich wirklich Panik. Ich ließ hastig die Rollos herunter, schaltete den Computer und die anderen Geräte aus und schlüpfte in meine Jacke. Als alles ausgeschaltet war, die Rechner, die Lichter, wurde es auf einmal wieder still. Ich spürte nur einen warmen Hauch in meinem Nacken. Als würde direkt jemand hinter mir stehen, mir in den Nacken hauchen! Ohne mich umzudrehen, eilte ich zur Hintertür. Ich spürte die Blicke der Perückenköpfe, hörte hastige Schritte dir mir folgten! Ich riss die Tür auf, stürmte hinaus, zog die Tür zu und kramte nervös nach den Ladenschüsseln. Gerade als ich den Schlüssel in das Schloss stecken wollte, knallte es plötzlich gegen die Tür. Mein Herz klopfte bis zum Hals, ich war froh, das ich vor Schreck den Schlüssel nicht hab fallen lassen. Ich fasste all meinen Mut zusammen und schloss die Tür ab. Das Klopfen gegen die Tür wurde stärker und schneller! Was hätte ich tun sollen? Es war niemand im Laden! Es war keiner da, der mir hätte einen Streich spielen können? Bildete ich mir das alles nur ein? Ich starrte die Tür an. Das Klopfen verstummte.
Irgendwie war ich erleichtert. Aber unwohl fühlte ich mich trotzdem noch. Es half alles nichts, ich wollte der Sache nicht weiter auf den Grund gehen, sondern nur so schnell wie möglich nach Hause. Ich drehte mich nochmal um und blickte auf die Tür.
„Ich sehe dich“ stand dort wie aus dem Nichts geschrieben. Ich rannte los! Ich wollte einfach nur nach Hause und versuchte es zu ignorieren.

Seit diesem seltsamen Abend bin ich mir nicht mehr so sicher ob Geister bloßer Humbug sind. Ich gebe zu, seitdem blieb ich auch nicht mehr nach Ladenschluss alleine im Laden. Ob es Günther den Poltergeist wirklich gibt? Hatte der goldene Ring etwas damit zu tun? Ich weiß es nicht, aber den Mut es herauszufinden habe ich auch nicht.
 

Gruselgeschichte_Ring

 

Fakten:
Lustig zu wissen, wir bekamen wirklich mal von einem fremden Mann einen echten goldenen Ring geschenkt, als wir morgens den Laden öffnen wollten. Den Ring zieht keiner von uns an, weil wir Angst haben, wir werden wirklich verflucht. XD Seitdem liegt er auf dem Schreibtisch!
Wenn irgendwas mal vom Regal fällt, sagen wir immer das Günther es war.
Günther hat bei uns einen eigenen Stundenzettel!
Bei uns machen die Lautsprecher manchmal wirklich seltsame Geräusche. Das aber daran liegt das wir Funklautsprecher haben und manchmal den Fernseher vom Nachbarn empfangen. Aber nur wenn die Lautsprecher wirklich eingesteckt sind!